26. Februar 2012
Die Welt ist ein Dorf
„Die Welt, sagt man, ist ein Dorf. Gut, dann nehmen wir diese Redensart doch einfach mal beim Wort: Stellen Sie sich vor, die ganze Weltbevlkerung wre tatschlich ein Dorf mit sagen wir mal 100 Einwohnern. Wenn man jetzt noch bercksichtigt, welches Volk und welche Gruppe von Menschen wie gro ist, dann kommt man auf folgende Verteilung: In unserem Welt-Dorf mit 100 Seelen leben 57 Asiaten, 21 Europer, 14 Amerikaner und 8 Afrikaner. 52 sind Frauen und 48 Mnner. 30 sind wei, 70 haben eine andere Hautfarbe. Gleich viele, nmlich ebenfalls 70 sind Nicht-Christen und 30 Christen. 80 von den 100 Einwohnern leben in ungeeigneten oder viel zu kleinen Unterknften. Ganze 6 Personen besitzen 59 % des gesamten Reichtums. Von den hundert Dorfbewohnern sind 70 Analphabeten. Und 50 leiden an Unterernhrung, also genau die Hlfte. Einer wird heute geboren und einer liegt im Sterben. Einer besitzt einen Computer, und einer hat einen Universittsabschluss. Und ich, wo gehre ich hin? Wo ist mein Platz in diesem Welt-Dorf? Ich bin eine weie, europische Christin, musste noch nie hungern, lebe in einer ordentlichen Wohnung, kann lesen und schreiben. Ich habe einen Computer und einen Universittsabschluss. Und noch einiges andere, das von dieser Statistik nicht erfasst wird. Damit bin ich ganz schn privilegiert. Das wusste ich natrlich schon lange, aber mit dem Modell vom Hundert-Seelen-Dorf rckt mir dieses theoretische Wissen ganz anders auf die Pelle. Fr mich ist dieses Modell wie ein Dolmetscher: Es bersetzt Statistiken in Schicksale, Zahlen in Menschen, in Menschen mit Gesichtern. Fremde werden so auf einmal zu Nachbarn, weil sie letztlich doch alle im selben Dorf leben. Und ich mittendrin. In diesem Dorf mit dem Namen „Welt“. Eigentlich htte ich Lust, sozusagen mal rberzugehen zu diesen ‚Welt-Nachbarn'. Ich wrde sie gern kennen lernen und mich vorstellen. Ich wrde ihnen gern sagen, dass hier im Dorf alle einander aushelfen und dass sie immer kommen knnen, wenn sie mal Hilfe brauchen, auch zu mir. Nein, ich tu's natrlich nicht, weil es nicht stimmt. Aber es muss ja nicht fr immer so bleiben.“ (Elisabeth Schmitter)
[ENDE]
